18.03.2026

Aber die Kirche steht

Zwei Personen präsentieren je ein gelbfarbenes Heft in den Händen. Im Hintergrund ein langer Flur.
Öffentlichkeitsreferent Dietrich Schneider und Clarissa Borcherding mit dem Nachdruck des Tagebuches aus den 90er Jahren – jetzt ist es digital zugänglich.

Kriegstagebuch von Pfarrer Hans Lutz öffentlich zugänglich

Hans Lutz war Pfarrer in Unna ab 1937. Weil er sehr schwach Augen hat, wird er nicht Soldat und so versorgt er im Krieg ganz allein die große Gemeinde. Als die sich häufenden Luftalarme ihn ans Haus fesseln, beginnt Lutz 1943 ein Tagebuch zu führen. Nun hat seine Enkelin das Tagebuch neu entdeckt und sich für die freie Veröffentlichung eingesetzt. Im Evangelischen Kirchenkreis Unna hat sie hierfür einen Partner gefunden.  

Von Schicksalen in den Kriegsjahren berichtet der Pfarrer, von Grausamkeiten und Ängsten, aber auch von der Sehnsucht der Menschen nach Frieden. „Wir, die wir das Jahr 1944 miterleben, können der Hoffnung leben, dass unser Volk auf den Weg wirklicher Umkehr nun gezwungen wird“, schreibt er schon im September 1944. Lutz war aktiv in der Bekennenden Kirche und hatte eine klare Position zum Nazi-Regime. Am 30. Januar 1945 bemerkt er: „Der Zwölfte Jahrestag der Machtübernahme. Was ist wohl von den Millionen übriggeblieben, die damals in Stadt und Land paradierten? Die Schlachtfelder in aller Welt können uns davon erzählen.“ Metanoeite – so überschreibt er sein Tagebuch: tut Buße, denkt um. Konkret wird er in seinen vielen Berichten von Begegnungen mit Menschen in seiner Stadt, den gestrandeten Soldaten, den verzweifelten Familien und den Besatzungsoffiziellen. Vom Leben in Unna in den letzten Kriegstagen im April 45 erfahren wir: „Es ist nun auch hier in unserer kleinen Stadt nichts erspart geblieben. Innerhalb von 24 Stunden erfolgten drei Luftbombardements und zweimal Artilleriebeschuss. Die alte Stadt stand in Flamme, auch die weithin sichtbare Stadtkirche wurde mehrfach getroffen. Aber die Kirche steht.“ 

Alltag und theologische Analyse

In dem Tagebuch sind es die Jahre 1943 bis 1945, aus denen Pfarrer Hans Lutz vom Alltag im Krieg in der kleinen westfälischen Stadt erzählt. Die Geschehnisse um ihn herum beschreibt er nicht nur, er stellt sie in den Zusammenhang mit Gedanken aus Theologie, Philosophie und Literatur. Denn er ist belesen, zitiert Herder, Barth und Kierkegaard und zeigt sich auch wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch interessiert. Sein weiterer Weg wird in den Texten schon erkennbar: bereits 1946 ist er Gründungsmitglied der CDU NRW, wechselt jedoch dann ein Jahr drauf zur SPD, 1947 wird er Dozent, danach Professor an der Sozialakademie in Dortmund. 

Schon lange hat Clarissa Borcherding seine Texte gekannt, erlebt hat sie ihren Großvater selbst nicht mehr: „Es war ein sehr beeindruckender Moment meines Theologiestudiums, in der kleinen katholischen Bibliothek der Ruhruni Bochum den Aufsatz ‚Die verlogene Gesellschaft‘ des in meinem Geburtsjahr verstorbenen Großvaters, Hans Lutz, zu entdecken.“  schreibt sie im Vorwort zur jetzt erstellten Veröffentlichung des Tagebuches. Bereits in der Mitte der 1990 Jahre hatte der damalige Unnaer Pfarrer Haimo Elliger einen Nachdruck des Originals aus dem Jahr 1947 beim Evangelischen Kirchenkreis Unna erstellen lassen.  Borcherding hatte die Idee, dass es nicht verloren geht, denn ihr Wunsch war und ist, dass ein „Nachdruck seines Tagebuchs aus der NS-Zeit den Apell in unserem Gewissen wachhält, in einer aktuellen Lage weltweiter Turbulenzen, welche an unanfechtbaren Werten rütteln.“

Das Tagebuch wirkt bis heute

Als sie sich damit an den Evangelischen Kirchenkreis Unna wendet, wird jedoch klar: alle Exemplare sind vergriffen, eine Druckvorlage ist nicht mehr auffindbar.  Doch Öffentlichkeitsreferent Dietrich Schneider ist sofort begeistert von der Idee. Gemeinsam suchen sie nach einer Möglichkeit, das Tagebuch öffentlich zugänglich zu machen. Dabei kommt der Verzicht auf alle Rechte des ursprünglichen Verlages ihnen entgegen. Heute ist die Ausgabe moderner: das Buch wurde komplett eingescannt und ergänzt um einen Lebenslauf von Hans Lutz durch Prof i.R. Dr. Traugott Jähnichen und um ein Vorwort von Clarissa Borcherding selbst. Eine Papierversion ist zurzeit nicht vorgesehen. In digitaler Form steht es jetzt öffentlich zur Verfügung. „So eine Gelegenheit bietet sich ja nicht oft, Geschichtliches und Lokales in einer Veröffentlichung vereinen zu können.“ so Schneider. Und gemeinsam haben Borcherding, sie selbst ist Lehrerin, und Schneider auch schon Anregungen zur Verwendung: „Ob als Lesestoff in Schulen oder als Gesprächsgrundlage in Gruppen oder die eigene Lektüre: das Tagebuch enthält so viele Aspekte. Deshalb ist es gut, dass es jetzt öffentlich zugänglich ist“, sind sich beide einig.  

Zum Download hier.

Porträtfoto Hans Lutz, Pfarrer in Unna von 1937 bis 1947 

 Ein Buchdeckblatt mit der Aufschrift Metanoeite in gekreuzten Worten Das Deckblatt der Ausgabe von 1947