Juni
Andacht - Leben mit Behinderung
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! (2. Korintherbrief 12, 9)
Wer von Ihnen kennt ihn nicht, den Teddy mit dem Knopf im Ohr. Seine Erfinderin heißt Margarete Steiff und sie war körperbehindert. Ihr Leben zeigt exemplarisch, dass man auch mit einer Behinderung leben, so einiges leisten und Wandel gestalten kann.
In dem schwäbischen Städtchen Giengen an der Brenz wurde Margarete Steiff am 24. Juli 1847 geboren. Sie war das dritte von vier Kindern des Bauwerkmeisters Friedrich Steiff und seiner Frau Maria Margarete. Mit 1 1/2 Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung und war seitdem teilweise gelähmt. Trotzdem entwickelte sich Margarete Steiff zu einem fröhlichen Kind mit überdurchschnittlichen Noten und einem großen Organisationstalent. Sie liebte darüber hinaus biblische Geschichten, vor allem die von Jesus: Wie er auf die Erde kam und mit den Menschen sprach, wie er die Kranken heilte und die Kinder segnete, wie er am Kreuz aus Liebe gestorben ist und wieder von den Toten auferstand. Im Alter von 9 Jahren wurde sie in Ludwigsburg an den Beinen operiert. Diese Operation brachte aber keine Verbesserung bezüglich ihrer Beweglichkeit und sie erfuhr, dass sie tatsächlich nun für den Rest ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein würde.
Mit 14 Jahren endete Margarete Steiffs Schulzeit und sie wurde konfirmiert. Ihr Konfirmationsspruch hieß: "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!" Gegen den Willen ihrer Eltern setzte sie durch, dass sie eine Nähschule besuchen durfte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde sie bald eine sehr gute Schneiderin. Nach einem Unfall, bei dem sie sich ein Bein brach, folgte wieder einmal ein langer Krankenhausaufenthalt. Ihr Vater wollte ihr auch nach diesem Aufenthalt eine Kur ermöglichen, doch Margarete Steiff sagte ihm: "Erlass mir weitere Kuren. Vater, ich weiß, dass du es gut mit mir meinst. Ihr habt schon so viel für mich getan. Gott hat es für mich bestimmt, dass ich nicht gehen kann. Es muss auch so recht sein..., denn das unnütze Suchen nach Heilung lässt den Menschen nicht zur Ruhe kommen." Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte Margarete Steiff den für sich richtigen Weg gefunden, mit ihrer Behinderung zu leben.
1874 wurde das Wohnhaus der Familie Steiff in der Ledergasse umgebaut und eine Schneiderei eingerichtet. Die erste Nähmaschine der Familie war eine kleine Sensation in Giengen, doch für Margarete Steiff schien sie nicht bedienbar zu sein, da ihre rechte, sehr schwache Hand das Antriebsrad nicht bewegen konnte. Doch irgendwann kam sie auf die Idee, die Maschine einfach umzudrehen und so konnte sie mit großer Geschicklichkeit sehr produktiv Frauen- und Kinderkleidung nähen. 1877 eröffnete sie ein Filzgeschäft und fertigte kleine Elefanten aus weichem Filz und Wolle. Diese Elefäntle wurden ein voller Erfolg und bald schon entwarf und produzierte sie auch andere Tiere unter dem Motto "Für Kinder ist nur das Beste gut genug." Aus der Filzfabrik wurde eine Spielwarenfabrik und ein größeres Produktionsgebäude wurde gebaut. 1901 belief sich der Umsatz schon auf über 180.000 Mark.
Ihr Neffe Richard Steiff entwickelte 1902 das Aushängeschild des Unternehmens: den Teddybären. Schon 1907 wurden eine Million Bären für das In- und Ausland angefertigt mit dem Markenzeichen der Firma Steiff, dem Knopf im Ohr. Die Söhne von Richard Steiff traten zwischenzeitlich in das Unternehmen ein und teilten sich die Bereiche der Geschäftsführung. Doch Margarete Steiff war stets im Betrieb, überwachte die Produktionsqualität und hatte einen fast familiären Kontakt zu den Mitarbeitenden. Am 9. Mai 1908 starb sie an den Folgen einer Lungenentzündung.
Für mich ist Margarete Steiff eine starke Frau, ein "local hero" ihrer Zeit, weil sie ihre Schwäche bewusst annehmen konnte. Auch wenn sie sicherlich zwischenzeitlich sehr mit ihrer Behinderung gerungen hat und nicht ganz so selbstständig leben konnte wie andere, so hat sie doch nie aufgegeben und etwas aus ihrem Leben gemacht: nicht verbittert, sondern mutig und fröhlich.
"Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!" Dieses Wort aus dem 2. Korintherbrief des Apostel Paulus zeigt im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte der Margarete Steiff, dass wir alle unsere Schwächen annehmen dürfen. Es geht nicht darum, dass wir uns als "local heroes" erweisen und unsere Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Sondern es geht darum, unsere Möglichkeiten realistisch einzuschätzen und dabei zu entdecken, welche Gaben und Fähigkeiten uns geschenkt sind.
Margarete Steiff hat die Erfahrung gemacht, dass Gott aus jedem Leben etwas machen kann. Eine Behinderung oder eine Einschränkung sind kein Hindernis für Gott. Er hat für jeden Menschen einen besonderen Platz im Leben. Für uns alle kommt es darauf an, dass wir uns diesen Platz von Zeit zu Zeit neu zeigen lassen. Amen.
Anja Josefowitz, Diakoniepfarrerin im Kirchenkreis Unna
Gebete zum Monatsthema
- Gebet eines behinderten Menschen
Gott, ich bin gelähmt. Du gabst mir statt der Füße keine Flügel.
Du willst, dass ich mit meinem Rollstuhl auf dem Boden bleibe. Auf einem Weg mit unendlich vielen Hindernissen.
Es gibt steile Strecken, die ich meine, nicht meistern zu können. Irgendwie geht es dann aber doch. Es gibt keine bequemen Ausweichmöglichkeiten für mich und in einsichtigen Momenten weiß ich, dass dies ein Vorzug meines Lebens ist.
Oft bedrückt es mich doch sehr, dass ich so viel fordern muss, um leben zu können. Verständnis, Kraft, Geduld und die Freizeit so mancher meines Mitmenschen werden zu oft, nahezu ständig von mir beansprucht.
Gott, einmal nur möchte ich unabhängig und auf niemanden angewiesen sein!
Wenn ich mir das aber so vorstelle, merke ich, wie arm mein Leben dann wäre.
Ich bitte dich nicht um ein anderes oder gar besseres Leben, sondern um die Kraft für mein Leben so wie es ist. Amen!
- Gebet einer Angehörigen eines behinderten Menschen
Gott, wenn wir behinderten Menschen begegnen, meinen wir oft Traurigkeit und Mutlosigkeit zu sehen. Wir sehen das Schicksal der Menschen. Ein Schicksal, das sie nicht leben lässt wie wir es tun. Wir schenken diesen Menschen deshalb oft auch nur Mitleid und hoffen, dass es ihnen daraufhin besser geht.
Doch was fangen sie an - mit unserem Mitleid?
Wir zeigen ihnen damit nur, dass sie anders, scheinbar nutzlos sind und nicht wirklich gebraucht werden. Doch das ist nur der Schein unseres Mitleids.
Gott, gib uns die Kraft, behinderte Menschen so anzunehmen wie sie sind. Denn sie sind Menschen wie wir - Gottes geliebte Kinder. Lass uns nicht Trauer über sie bringen, sondern Annahme und Freundschaft.
Gott, gib uns die Kraft in behinderten Menschen das Gute zu sehen, ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten. Wie sie sich z.B. über kleine Dinge so richtig freuen können, wie sehr sie Liebe und Pflege annehmen und wertschätzen können.
Deine Liebe lässt uns alle gleich sein. Wo sie anfängt hört alles Trennende auf. Amen!
- Fürbittengebet
Gnädiger und gerechter Gott, wir danken dir, dass du genau hinsiehst, wo Menschen leiden, wo sie in ihrer Würde verletzt, in ihrem Selbstbewusstsein beschädigt und in ihrer Entfaltung behindert werden.
Wir bitten dich: Lass keine Eltern bereuen müssen, ein behindertes Kind zur Welt gebracht zu haben.
Wir bitten dich für unsere Mitmenschen, die mit ihren Einschränkungen zufrieden und kreativ sind, dass sie mit ihrem Mut und ihren Begabungen inspirieren und ermutigen und Vorurteile überwinden.
Wir bitten dich für die Menschen, die durch Erkrankung oder Unfall mit ihren Einschränkungen konfrontiert werden und sich bitter oder ohnmächtig fühlen. Lass sie erfahren, dass sie nicht allein sind und dass sie keine "hoffnungsvollen Fälle" sind.
Stärke alle, die in ihrer Fürsorge und in ihrem therapeutischen Engagement an die Grenzen ihrer Kraft stoßen.
Wir bitten dich für die Menschen, die Verantwortung für die Umsetzung der Behindertenkonvention haben, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden, gerade in Zeiten knapper werdender finanzieller Ressourcen.
Und wir bitten dich für uns, dass wir unseren Blick auf Menschen mit anderen Begabungen nicht durch die Projektbrille filtern, sondern unsere Nächsten, unsere Schwester und unseren Bruder sehen. Amen!
14. Juni: Einladung in die Hellweg-Werkstätten
Die Diakoniekonferenz - das ist die Zusammenkunft aller Diakoniepresbyterinnen und -presbyter im Kirchenkreis Unna - besucht am 14. Juni 2010 um 13 Uhr den Betriebsteil "Martin Luther King" der Hellweg-Werkstätten des Ev. Perthes-Werks e.V. Dort wurde für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen seit 1972 eine kontinuierlich wachsende Zahl von Arbeitsplätzen geschaffen. Bis heute haben sich die "Hellweg-Werkstätten" zu einer Einrichtung mit vier Betriebsteilen und über 700 Beschäftigten entwickelt. Durch die Beschäftigung in der Werkstatt werden Menschen mit Behinderungen in das Arbeitsleben mit ihren je eigenen Gaben und Fähigkeiten eingegliedert. Zur Seite stehen den Beschäftigten eine entsprechende Zahl fachlich ausgebildeter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Zu diesem Besuch sind alle anderen Interessierten ebenfalls herzlich eingeladen. Weitere Informationen erhalten Sie dazu bei der Diakoniepfarrerin Anja Josefowitz, Tel. 02303 288 195.
Links
- Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland
www.diakonie.de - Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe www.diakonie-rwl.de
- Diakonie Ruhr-Hellweg www.diakonie-ruhr-hellweg.de
- Perthes-Werk www.pertheswerk.de
- Informationen zum Film "Margarete Steiff" mit Heike Makatsch


