Kirchenkreis Unna

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Andacht Oktober 2007

"Gott sei Dank, es ist Sonntag"

Sonntagskampagne

Zeit - Vom Menschen eingeteilt, vermessen, getaktet.
Zeit, vom Menschen beherrscht. Aber wer beherrscht hier wen?
Kalender teilen  Monate ein, Uhr die Tage, Stunden, Minuten,
Die Stoppuhr zählt bei Sportwettkämpfen sogar Tausendstel-Sekunden.
Die Stechuhr bemisst die Arbeitszeit,  der Wecker überwacht den Schlaf und stoppt ihn beizeiten. Und die Kirchturmuhr? Sie geht (meist) stoisch weiter und zeigt an, dass
die Zeit vergeht. 

Der Mensch ist also der Herr der Zeit? Dagegen steht das, was wir so oft im Alltag erleben:  Wir haben keine Zeit. Die Zeit läuft uns weg. Wir rennen hinterher. Termine, Zeitschienen, Stundenpläne, Zeittakte - all das beeinflusst, prägt unseren Alltag, unser Leben. Kaum jemand scheint Zeit zu haben, einfach nur so andere zu besuchen, miteinander zu reden, ohne auf die Uhr zu gucken. "Tut mir leid, aber ich muss weiter!" "Ich habe leider keine Zeit mehr." Dann scheint eine unsichtbare Uhr abgelaufen zu sein. Es macht den Eindruck, als hätten wir alle ein Zeitkonto, das ständig abgebaut wird. Auf das wir nur Zinsen bekommen, wenn wir keine Zeit verschwenden. Wer sich für etwas Zeit nimmt, scheint naiv, verschwenderisch, ja weltfremd zu sein. Und das ist wohl keine vereinzelte Erscheinung, das kennzeichnet unsere Gesellschaft, unser Leben, unser Arbeiten. Fachleute berichten von einer spürbaren Verdichtung der Arbeit in vielen Berufen: immer mehr ist in immer kürzerer Zeit von immer weniger zu leisten. Und wo einmal der Arbeitstag von 8 bis 16 Uhr die (hart erkämpfte) Regel war, wird heute Arbeit zu (fast) allen möglichen Zeiten gefordert und geleistet. Manche fänden es gut, wenn es da gar keine Grenzen mehr gäbe - und sehen darin einen Ausdruck der Freiheitsrechte.  War das so gemeint? Oder: was spricht eigentlich dagegen?  

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.
Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte."
(1. Buch Mose, 1,30f; 2, 2f)  

Was hier in der Bibel auf den ersten Seiten geschildert wird, das ist ein Bild von der Erschaffung der Welt aus dem Chaos, dem "Tohuwabohu" zu der geordneten, dem Leben förderlichen Schöpfung, damit zugleich auch ein Bild von Gott und von uns Menschen.  Und hier fällt auf:  Gott, der Schöpfer arbeitet selber, er schaut nicht nur zu, sondern er "malocht", wie es im Urtext heißt, er erschafft die Welt durch handwerkliche Arbeit, arbeitet so, dass er müde wird und von der Arbeit ausruht. Dann erst ist seine Arbeit wirklich vollendet. 
Arbeit und Ruhe werden also wechselseitig aufeinander bezogen: Ruhe schließt die Arbeit ab - Arbeit ohne Ruhe ist unvollständig, so wie auch Ruhe ohne Arbeit nicht Ganzes ist. Beides ist heute nicht selbstverständlich: neben denen, die kaum noch zur Ruhe kommen, leben  Andere, die arbeiten wollen, aber nicht dürfen. 
Das Gebot, den Sabbat zu heiligen, einen gemeinsamen Tag in der Woche für alle (oder zumindest für so viele wie möglich) von der Arbeit freizuhalten erinnert an diesen Zusammenhang von Arbeit und Ruhe. Der 7. Tag ist als Krone und Abschluss der Schöpfung, als Tag der Ruhe sogar besonders hervorgehoben. Und was so für Gott gilt, gilt auch für die Menschen gelten: wie der Schöpfer selber soll er von der Arbeit ausruhen. Wir brauchen gemeinsame Zeiten des Ausruhens, der Erholung, um mit- und füreinander Zeit zu haben.
So steht dieses Gebot für ein Recht auf Ruhe, ohne das Arbeit Sklavenarbeit wäre ebenso wie dafür, dass alles und alle, auch die Natur selber regelmäßig Zeiten der Ruhe brauchen. Nicht das Letzte herausholen - dieser Gedanke, der dahinter steht, ist so nicht nur am Erntedankfest, überraschend aktuell und brisant. Er gibt einen Maßstab vor für Wirtschaft und Politik, der nicht unwidersprochen bleibt - Streitgespräche wie das neulich in der Unnaer Lindenbrauerei machen es deutlich.  
So aber gehören der jüdische Sabbat wie die christliche Sonntagsruhe zu den wichtigsten Hinweisen und Wegweisungen Gottes an die Menschen. Wer ein erfülltes, glückliches Leben führen will, sollte auch die Ruhe suchen, sich Zeit zum Ruhen nehmen und so zur Ruhe finden - können. 
"Gott sei Dank, es ist Sonntag!"- die neue Kampagne der evangelischen Kirche in Deutschland stellt diesen Aspekt des Sonntagsschutzes gegen alle grenzenlose Anforderungen und Ansprüche in den Mittelpunkt.
Hans Höroldt, Diakoniepfarrer im Kirchenkreis Unna