Andacht November 2007
Wohin gehen unsere Toten?
November, das ist die Zeit im Jahr, in der unsere Gedanken und Gefühle verstärkt zu den Toten wandern. Mit dem Allerheiligenfest in der katholischen Kirche, Allerseelen, dem Volkstrauertag und dem Ewigkeitssonntag in der Evangelischen Kirche, haben wir eine Reihe von Gedenktagen, die uns dahin lenken.
Wohin gehen unsere Toten?
"Das kann man doch gar nicht wissen", sagen Sie vielleicht. Und Sie haben recht: "wissen" kann man das nicht, und doch tut es der Seele gut, wenn wir ein Gefühl dazu haben, wo unsere Toten geblieben sind und wie es ihnen geht. Deshalb will ich Ihnen Auszüge aus einem Brief weitergeben, den Bärbel von Wartenberg-Potter an ihr kleines Patenkind schrieb.
"...etwas sehr Schlimmes ist geschehen: Mitten in den Ferien die ihr fröhlich miteinander verbracht habt, ist dein Vater ganz plötzlich gestorben. Sein Herz wollte nicht mehr schlagen, obwohl es noch ein junges Herz war, und so ist er schnell und ohne viel zu sagen davongegangen - über Nacht.
Das ist etwas sehr Schweres für ein Kind das jetzt keinen Vater mehr hat. Und ich ergänze: auch für eine Frau, die jetzt keinen Mann mehr hat, für einen Vater, eine Mutter. Den Tod zu akzeptieren ist schwer. Deshalb schreibe ich dir diesen Brief. ... Vielleicht hilft er dir ein wenig, wenn dir das Herz weh tut aus Heimweh nach dem Papa...! Und dann erzählt sie von ihm. Es tut ja so gut, von den Toten zu erzählen! - Wer er war, dieser Vater, wie er war, wie sie sich kennen gelernt haben, beim Leben und Sterben des eigenen Kindes im Krankenhaus nämlich.
"Damals musste ich selbst dieses Schwerste lernen, das du jetzt lernen musst: dass man keinen Menschen für immer besitzen kann. Jeder Mensch hat seinen eigenen Lebensweg. Er kommt ins Leben und geht, wann Gott es gibt, wie kurz oder lang, wie schön oder schwer das Leben auch gewesen ist." Sie erzählt vom Sterben ihres eigenen Kindes, und wie gut es tat, die Solidarität, das Mit-empfinden ihrer Freundinnen und Freunde zu spüren. "Wir alle haben ein Kind verloren, hat deine Mutter mir geschrieben. Und das ist auch heute wahr: Wir alle haben einen Papa verloren". Das tut der Seele gut, so viel Nähe zu spüren.
"Wo ist dein Papa jetzt, und meine Kinder, und dein Großvater....Ich habe viel darüber nachgedacht, ... als meine Kinder starben ...und ich will versuchen dir zu erklären, .....was ich damals über den Tod herausgefunden habe. ... Eines ist klar und sehr schmerzlich: Man kann mit den Toten nicht mehr sprechen wie früher, nicht mehr mit ihnen lachen oder essen ... Sie können einen nicht mehr beschimpfen. .... Man kann nie mehr mit ihnen Ferien machen. Alles das - und vieles mehr - geht nicht mehr. Sie sind weggegangen in ein anderes unsichtbares Land - wo schon viele viele Andere sind .... Sie alle, wir alle, gehen einmal zurück zur Mutter Erde, die uns aufnimmt in ihren kühlen braunen Schoß ... Die Toten gehen zurück dahin, woher alles Leben kommt, zu Gott, der in der Tiefe der Erde, im Himmel über uns, in den Herzen der Menschen, überall ist. Gott hat einen großen weichen Schoß, die in der Bibel dachten an Abrahams Schoß, aber vielleicht denkst du eher an den Schoß deiner Mutter. Dort dürfen alle sitzen.... und Gott lässt sich von ihnen erzählen, ihre Erdengeschichten .... von dir und von mir ...ihren Kummer und ihre Freude ... und dann lacht Gott und freut sich oder er weint, ist zornig und empört, je nachdem. .... Wir wissen nichts Genaues über die Gestorbenen, und müssen uns mit solchen Bildern helfen, die aber wahr sind. Eines aber wissen wir ganz genau - und ich habe es oft auf ihren toten Gesichtern gesehen: Die Toten sind in einen großen Frieden gegangen. Alles was sie gequält und unglücklich gemacht hat, die Sorgen, der Zorn, der Streit, alles ist von ihnen weggenommen, und sie sind zur Ruhe gekommen. Tote muss man lange anschauen, dann entdeckt man dies. ....
Wir können nicht mehr mit ihnen leben. Aber wir können sie weiter lieb haben, wir können an sie denken, ... Sie beschützen uns. Sie helfen uns in einer unsichtbaren Weise ... Wir alle, die wir ihn gekannt haben denken mit Liebe und Dank an das was er uns geben konnte" Und wenn es jetzt auch sehr schwer ist: "Ich glaube, dass Gott sich immer gerade zu denen hinwendet, die es sehr schwer haben, und ihnen die Tränen abwischt. Er nimmt das Schwere nicht einfach weg, aber er schickt uns Menschen, die uns tragen ... oder er gibt uns auf andere Weise Kraft, das Traurige auszuhalten, auch wenn wir manchmal schreien möchten. ... Gott behütet ... all die Toten mit großer Liebe und Freundlichkeit .. und das Schöne, das zwischen Papa und dir und uns allen gewesen ist, geht niemals verloren. Dein Papa ist auf andere Weise sehr lebendig und wird es in unseren Herzen immer bleiben.
So umarme ich dich mit großer Liebe, deine Patin."
Bärbel von Wartenberg-Potter, für Sie weitergegeben
von Helga Henz-Gieselmann, Pfarrerin für Seelsorge

