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Stille im November
Manchmal passiert das: wir betreten einen Raum, bleiben stehen, verweilen einige Zeit und werden ganz still. Wir stellen ganz auf Empfang, beobachten, was uns umgibt: die Farben, Gerüche, Geräusche. Der Blick schweift und wir werden hineingezogen in eine Atmosphäre, die unser alltägliches Geplapper unterbricht und uns in einen Zustand nachdenklicher Wahrnehmung versetzt. Selbstvergessen verschwindet im Nu das, was uns ansonsten umtreibt und zum Nachdenken bringt. Vielleicht entdecken wir in diesem Zustand eine Frage. Die Frage, wer wir sind und wer wir sein wollen. Hier zeigt sich ein Bedürfnis nach Stille, in dem wohltuend unser Alltag in den Hintergrund tritt. Das scheint ganz unabhängig davon zu sein, ob es außen auch still ist. Stille in uns tut sich unabhängig davon in uns auf. Genauso gibt es Situationen, in den Stille im Außen uns verunsichert, vielleicht sogar ängstigt und viele von uns dazu veranlasst, das Radio oder Fernsehgerät anzuschalten, nur damit etwas hörbar da ist, wenn wir die leere Wohnung betreten. Oder wenn es zu ungewöhnlich langen Pausen im Gespräch kommt und wir bei uns selbst und oder unserem Gegenüber eine deutliche Unruhe bemerken. Wahrscheinlich stimmen dann innerer Zustand und äußere Stille nicht überein: innere Unruhe, unbewältigte Konflikte oder verdrängte Einsamkeitsgefühle sind vielleicht Ursache dafür. Ebenso werden wir ganz still wenn etwas Einschneidendes in unserem Leben geschieht und wir herausgerissen werden aus dem Lärm der Welt. Wenn ein Mensch stirbt, gerät das Leben aus dem Tritt und es wird ganz still in uns. Alles ist anders. In allen drei Fällen kann der erlernte und bewusste Umgang mit Stille eine große Chance für unser Leben darstellen. Vor allem für diejenigen, die sich nach der Stille sehnen ist dieser Umgang verbunden mit dem intensiven Gefühl angekommen zu sein. Aufgestauter Druck löst sich und die Verspannung kann sich lösen. Beten ist so ein Umgang mit der Stille wie ihn Kierkegaard beschreibt:
"Es ist des Menschen Vorzug vor dem Tiere, dass er reden kann; aber im Verhältnis zu Gott kann es dem Menschen, der reden kann, leicht zum Verderben werden, reden zu wollen. Gott ist im Himmel, der Mensch auf der Erde: darum können sie nicht gut miteinander reden. Gott ist Liebe, der Mensch ist - wie man wohl zu einem Kinde sagt - sogar hinsichtlich seines eignen Wohls und Wehes ein kleines Schaf; darum können sie nicht gut miteinander reden. Nur mit viel Furcht und Zittern kann der Mensch mit Gott reden; mit viel Furcht und Zittern. Indes, mit viel Furcht und Zittern reden ist schwierig aus einem andern Grunde; denn gleich wie die Angst es macht, dass die Stimme leiblich versagt, ebenso bewirkt wohl auch viel Furcht und Zittern, dass die Rede verstummt und stille wird. Dies weiß der rechte Beter; und wer ein rechter Beter nicht war, er hat vielleicht eben dies gelernt im Gebet. Es war da etwas, das ihm so sehr am Herzen lag, eine Sache, die ihm so wichtig war, es war ihm so überaus dringlich, sich Gott so recht verständlich zu machen, es bangte ihm, dass er im Gebet etwas vergessen haben könnte, und ach, gesetzt, er hatte es vergessen, so bangte ihm, dass Gott vielleicht von selber nicht daran denken möge: darum wollte er seinen Sinn darauf sammeln, recht innerlich zu beten. Und was widerfuhr ihm dann, wenn anders er wirklich betete?Etwas Wunderliches widerfuhr ihm; allmählich wie er innerlicher und innerlicher wurde im Gebet, hatte er weniger und weniger zu sagen, und zuletzt verstummte er ganz. Er ward stumm, ja, was dem Reden vielleicht noch mehr entgegengesetzt ist als das Schweigen, er ward ein Hörender. Er hatte gemeint, beten sei reden; er lernte: beten ist nicht bloß schweigen, sondern ist hören. Und so ist es denn auch; beten heißt nicht, sich selbst reden hören, sondern heißt dahin kommen, dass man schweigt, und im Schweigen verharren, und harren, bis der Betende Gott hört."
Wenn wir still werden, öffnet sich der unendliche Raum von dem her und auf den zu wir leben. Da ist mehr als wir momentan ausdrücken, fühlen, begreifen können, wir werden hineingestellt ins Leben. Gott ist der Raum in dem und durch den wir dann existieren, der uns ganz ausfüllt mit seiner Kreativität. Er wird in der Stille zur lebensbestimmenden Kraft, die weit über Gedachtes hinausgeht. Wir sind dann ganz in dem göttlichen Element, wo wir mit uns selbst, mit den anderen und Gott in Übereinstimmung sind. So wie es ist, ist es gut. Da braucht es nichts mehr. Hier wird Sinn und Zweck von Religion direkt und konkret spürbar. Hier in der Stille kommen wir zu uns. Hier wird deutlich, wer wir sind und was uns möglich ist. Hier zeigt sich, es muss nicht so bleiben wie es ist, mir ist noch mehr möglich. Hier kann ich mich und mein Leben durch die Augen Gottes sehen.
Andacht von Pfarrer Matthias Schlegel
(Referat Trauerarbeit des Kirchenkreises Unna)
