Andacht Mai 2009
Reformation - Hoffnung für die Freiheit
100 Tage im Amt. Barack Obama zieht eine erste Bilanz. In der Presse wird das durchweg positiv dar gestellt. Er habe so viele grundlegende Reformen angestoßen wie kaum ein amerikanischer Präsident vor ihm. Die Begeisterung der Bevölkerung ist groß. Viele verehren ihn regelrecht, - und das nicht nur im eigenen Land. Weltweit finden sich Menschen, die in Barack Obama einen Hoffnungsträger sehen. Er verkörpert einen neuen Politikstil, der von Menschlichkeit, Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit geprägt ist. Die Zeit war reif dafür.
Vielleicht war die Stimmung im 16. Jahrhundert unserer heutigen gar nicht so unähnlich. Über lange Zeit war die Bevölkerung für dumm verkauft worden. Die Reichen waren immer reicher geworden, die Armen immer ärmer. Und die Kirche hatte das Ihre dazu beigetragen, dieses System zu stützen. Ein Papst folgte auf den anderen. Ihr Leben war alles andere als vorbildlich und glaubwürdig. Um Reichtümer anzuhäufen und sich große Denkmäler setzen zu können, war ihnen jedes Mittel recht.
Da trat ein Mönch auf, den das ganze Treiben mit Grauen erfüllte, und forderte die Rückkehr der Kirche zu den Grundlagen des Glaubens: Liebe, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich seine Ideen von Wittenberg aus in ganz Deutschland. Die reformatorischen Gedanken Martin Luthers entfachten einen Flächenbrand. Bald schon wurde auch im Westen lutherisch gepredigt, hier und da wurden schon Gottesdienste in deutscher Sprache gefeiert. Es wurde mit der Gemeinde gesungen - neue, kraftvolle Lieder in verständlicher Sprache, und es wurde das Abendmahl in beiderlei Gestalt - Brot und Wein - an die ganze Gemeinde ausgeteilt. Nach Lippstadt (1531) und Soest (1532) waren in unserer Gegend Frömern und Lünern die ersten Gemeinden, die die lutherische Lehre annahmen (1545). In Unna wurde nach kräftiger Überzeugungsarbeit des aus Dortmund kommenden Kaplans Eberhard Wortmann die Reformation per Ratsbeschluss im Jahr 1559 eingeführt.
Der Kern des reformatorischen Gedankenguts ist heute so brandaktuell wie damals. Jeder Mensch steht unmittelbar vor seinem Schöpfer. Es gibt eine direkte Beziehung Gottes zum Menschen. Das stellt alle Menschen auf die gleiche Stufe. Wir sind geliebte Kinder Gottes, nicht mehr und nicht weniger. Wir alle, unabhängig von Titel, Einkommen, Erfolg, Alter, Geschlecht, Gesundheit, Hautfarbe, Sprache ... Jeder einzelne Mensch - von Gott ins Leben gerufen und mit unveräußerlicher Würde ausgestattet. Das ist ein hohes Gut. Die Freiheit des Individuums. Und seine Verantwortung. Ich trage Verantwortung vor Gott für mein Leben. Er hat mir viele Gaben geschenkt. Die soll ich auch nutzen und etwas daraus machen. Mit dem Zuspruch der Liebe und Güte Gottes geht der Anspruch auf mein Leben einher. Lebe so, dass du jederzeit vor deinen Schöpfer treten und ihm Rechenschaft darüber ablegen kannst, was du aus deinem Leben gemacht hast.
Zugegeben, diese protestantische Ethik ist sehr anspruchsvoll und wird von vielen als Belastung empfunden. Aber sie ist doch eingebettet in das Grundvertrauen, dass wir uns mit unseren Taten nicht das Heil bei Gott erarbeiten müssen. Das hat er uns nämlich schon geschenkt. Wir müssen auch nicht die Welt retten. Das können wir Gottes Sorge sein lassen. Aber wir können etwas beisteuern zum Wohle aller: den Glauben, die Liebe und die Hoffnung - und kleine und große Beispiele gelebter Solidarität und eines gegenüber der Schöpfung verantwortungsvollen Lebensstils.
Superintendentin Annette Muhr-Nelson

