Andacht Juni 2010
Leben mit Behinderung
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! (2. Korintherbrief 12, 9)
Wer von Ihnen kennt ihn nicht, den Teddy mit dem Knopf im Ohr. Seine Erfinderin heißt Margarete Steiff und sie war körperbehindert. Ihr Leben zeigt exemplarisch, dass man auch mit einer Behinderung leben, so einiges leisten und Wandel gestalten kann.
In dem schwäbischen Städtchen Giengen an der Brenz wurde Margarete Steiff am 24. Juli 1847 geboren. Sie war das dritte von vier Kindern des Bauwerkmeisters Friedrich Steiff und seiner Frau Maria Margarete. Mit 1 1/2 Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung und war seitdem teilweise gelähmt. Trotzdem entwickelte sich Margarete Steiff zu einem fröhlichen Kind mit überdurchschnittlichen Noten und einem großen Organisationstalent. Sie liebte darüber hinaus biblische Geschichten, vor allem die von Jesus: Wie er auf die Erde kam und mit den Menschen sprach, wie er die Kranken heilte und die Kinder segnete, wie er am Kreuz aus Liebe gestorben ist und wieder von den Toten auferstand. Im Alter von 9 Jahren wurde sie in Ludwigsburg an den Beinen operiert. Diese Operation brachte aber keine Verbesserung bezüglich ihrer Beweglichkeit und sie erfuhr, dass sie tatsächlich nun für den Rest ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein würde.
Mit 14 Jahren endete Margarete Steiffs Schulzeit und sie wurde konfirmiert. Ihr Konfirmationsspruch hieß: "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!" Gegen den Willen ihrer Eltern setzte sie durch, dass sie eine Nähschule besuchen durfte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde sie bald eine sehr gute Schneiderin. Nach einem Unfall, bei dem sie sich ein Bein brach, folgte wieder einmal ein langer Krankenhausaufenthalt. Ihr Vater wollte ihr auch nach diesem Aufenthalt eine Kur ermöglichen, doch Margarete Steiff sagte ihm: "Erlass mir weitere Kuren. Vater, ich weiß, dass du es gut mit mir meinst. Ihr habt schon so viel für mich getan. Gott hat es für mich bestimmt, dass ich nicht gehen kann. Es muss auch so recht sein..., denn das unnütze Suchen nach Heilung lässt den Menschen nicht zur Ruhe kommen." Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte Margarete Steiff den für sich richtigen Weg gefunden, mit ihrer Behinderung zu leben.
1874 wurde das Wohnhaus der Familie Steiff in der Ledergasse umgebaut und eine Schneiderei eingerichtet. Die erste Nähmaschine der Familie war eine kleine Sensation in Giengen, doch für Margarete Steiff schien sie nicht bedienbar zu sein, da ihre rechte, sehr schwache Hand das Antriebsrad nicht bewegen konnte. Doch irgendwann kam sie auf die Idee, die Maschine einfach umzudrehen und so konnte sie mit großer Geschicklichkeit sehr produktiv Frauen- und Kinderkleidung nähen. 1877 eröffnete sie ein Filzgeschäft und fertigte kleine Elefanten aus weichem Filz und Wolle. Diese Elefäntle wurden ein voller Erfolg und bald schon entwarf und produzierte sie auch andere Tiere unter dem Motto "Für Kinder ist nur das Beste gut genug." Aus der Filzfabrik wurde eine Spielwarenfabrik und ein größeres Produktionsgebäude wurde gebaut. 1901 belief sich der Umsatz schon auf über 180.000 Mark.
Ihr Neffe Richard Steiff entwickelte 1902 das Aushängeschild des Unternehmens: den Teddybären. Schon 1907 wurden eine Million Bären für das In- und Ausland angefertigt mit dem Markenzeichen der Firma Steiff, dem Knopf im Ohr. Die Söhne von Richard Steiff traten zwischenzeitlich in das Unternehmen ein und teilten sich die Bereiche der Geschäftsführung. Doch Margarete Steiff war stets im Betrieb, überwachte die Produktionsqualität und hatte einen fast familiären Kontakt zu den Mitarbeitenden. Am 9. Mai 1908 starb sie an den Folgen einer Lungenentzündung.
Für mich ist Margarete Steiff eine starke Frau, ein "local hero" ihrer Zeit, weil sie ihre Schwäche bewusst annehmen konnte. Auch wenn sie sicherlich zwischenzeitlich sehr mit ihrer Behinderung gerungen hat und nicht ganz so selbstständig leben konnte wie andere, so hat sie doch nie aufgegeben und etwas aus ihrem Leben gemacht: nicht verbittert, sondern mutig und fröhlich.
"Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!" Dieses Wort aus dem 2. Korintherbrief des Apostel Paulus zeigt im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte der Margarete Steiff, dass wir alle unsere Schwächen annehmen dürfen. Es geht nicht darum, dass wir uns als "local heroes" erweisen und unsere Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Sondern es geht darum, unsere Möglichkeiten realistisch einzuschätzen und dabei zu entdecken, welche Gaben und Fähigkeiten uns geschenkt sind.
Margarete Steiff hat die Erfahrung gemacht, dass Gott aus jedem Leben etwas machen kann. Eine Behinderung oder eine Einschränkung sind kein Hindernis für Gott. Er hat für jeden Menschen einen besonderen Platz im Leben. Für uns alle kommt es darauf an, dass wir uns diesen Platz von Zeit zu Zeit neu zeigen lassen. Amen.
Anja Josefowitz, Diakoniepfarrerin im Kirchenkreis Unna


