Andacht Juni 2009
Gottes Geist befreit zum Leben
"Gottes Geist befreit zum Leben" - das war das Motto des Kirchentags 1991 hier im Ruhrgebiet. Wer von Ihnen dabei war, hat eigene Erinnerungen, wie viel davon wahr geworden ist: Befreiung zum Leben, Lebendigwerden durch den Geist Gottes, der spürbar war und ist.
Auf diesen Geist warten wir wieder, in diesem Jahr in der Pfingstzeit, in unserer krisengeschüttelten Welt. An diesen Geist erinnern wir uns in Unna, wenn wir 450 Jahre Reformation hier in diesem Jahr feiern.
Der Geist Gottes, der am Anfang der Welt über der Urflut schwebte, der Geist, den Gott dem ersten Menschen in die Nase geblasen hat, der Atem des Lebens. Der Geist, der weht, wo er will, den keiner einplanen kann, den Jesus seinen Jüngern aber versprochen hat als Tröster darüber, dass Jesus selbst sie verlassen musste.
"Ich lebe und ihr sollt auch leben": das sagt Jesus seinen Jüngern kurz vor seinem Tod und wir wiederholen dieses Wort angesichts der Krisen und Todeserfahrungen unserer Zeit... dieses Versprechen: "Ich lebe und ihr sollt auch leben."
Was tröstet uns in unseren Todeserfahrungen; in Krisen, in Abschiedssituationen? Was tröstet, wenn wir "mit leeren Händen dastehen", wie es in einem Lied heißt? Mit leeren Händen, die etwas loslassen müssen, einen Menschen, eine Heimat, eine Arbeit, das vertraute Weltbild...
"Sprich du das Wort, das tröstet und befreit, heißt es weiter in diesem Lied. Getröstet-sein und befreit-sein: das hat etwas mit einander zu tun. Was uns wirklich tröstet in einer Abschiedssituation, das befreit uns zum nächsten Schritt, das macht den Weg ins Leben wieder frei.
"Gottes Geist befreit zum Leben", die Kirchentagslosung von 1991, und der Geist als Tröster in Jesu Abschiedsrede: "Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit": Wirklicher Trost macht frei, weil der Tröster der "Geist der Wahrheit" ist. Er bietet nicht "faulen Trost", nicht Vertröstung, keine Ablenkung vom nötigen Abschied.
"Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen": das ist ein Versprechen, das trösten kann. Die Wahrheit erkennen, das heißt, genau hingucken zu können, was es mit dieser Krise, mit diesem Abschied, der mich bewegt, auf sich hat. Die Wahrheit herausfinden über die Situation, die mich mit leeren Händen dastehen lässt, über meinen Abschied, über meine Trauer, über das, wie es alles gekommen ist, wie es war und wie es jetzt ist.
Wir lernen in Krisen, beim Abschied nehmen etwas über das Leben, wir lernen etwas über uns, nehmen bewusst Abschied, wenn wir nicht die Augen verschließen.
Meistens machen uns Veränderungen und Trennungen Angst. Und die Angst ist nicht weg, wenn wir den Trost der Nähe Gottes erleben, die Angst ist nicht das Gegenteil von Trost, sondern ein Teil von ihm. Sich die Angst eingestehen und den Trost brauchen und suchen, das gehört zusammen. Und wenn ich auf den Trost vertraue, mich dem Abschied stelle, denkend, atmend, hoffend, dann kann ich irgendwann auch die Angst loslassen und werde frei für das Neue, das auf mich zukommt. Getröstet.
Amen.
Barbara Dietrich, Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Unna

