Andacht Juli 2009
Wärmestube am Weg
"Er zog aber seine Straße fröhlich" (Apostelgeschichte 8, 39): So endet die Geschichte vom fremden "Kämmerer aus Äthiopien" in der Apostelgeschichte, den der Apostel Philippus ein kleines Stück auf seiner Durchreise begleitet. Viele existenzielle Fragen hat der Mann aus der Fremde, und er trifft auf einen Zeugen des Glaubens, der sich Zeit für ihn nimmt und so glaubwürdig das Evangelium ausrichtet, dass der Durchreisende für seinen weiteren Lebensweg eine klare Orientierung gefunden hat und damit gestärkt und ermutigt seinen Weg weiterziehen kann.
Damit ist sehr gut beschrieben, was es für die Kirchen in der ehemaligen Landesstelle bedeutet hat, für die Zugewanderten da zu sein, die in Unna-Massen eine "Zwischenzeit" zugebracht haben. Für alle, die sich mehrere Wochen oder fast ein Jahr in der Zwischenstation Unna-Massen aufgehalten haben, war es eine Zeit der Unsicherheit, des Abschieds aus dem alten Leben, vor einer noch unbekannten Zukunft stehend, von der man nur hoffen konnte, dass sie gelingen wird.
Sie brauchten nicht nur praktische Ratschläge in der Beratung, sondern Trost und Vergewisserung im christlichen Glauben, zu dem die meisten Spätaussiedler sich bekannt haben, indem sie bereits bei der Einreise in Friedland ihre Konfession nannten. Das galt für die "Kopftuchgeneration" der Älteren mit ihrer stark traditionalistischen Prägung genauso wie für die in den letzten Jahren gekommenen religiös Entwurzelten und Suchenden. So waren die Gotteshäuser in Unna-Massen stets Wärmestuben, Orte der Stärkung und der Ermutigung, denn auch die Seele braucht ein Dach über dem Kopf. Die "Wärme" entstand auch dadurch, dass sie dort nicht nur auf Amtsträger, sondern auch auf Gemeindeglieder trafen, die sie herzlich begrüßten und gastfreundlich in ihre Mitte aufnahmen.
Der Blick der Seelsorger/innen ging aber immer auch über Unna-Massen hinaus auf eine beständige Beheimatung der neuen Kirchenmitglieder in den Gemeinden am neuen Wohnort durch Weitervermittlung und Ermutigung, auf ihre Kirche vor Ort zuzugehen, in der Hoffnung, dass sie nach ihrer Zeit in Unna-Massen "ihre Straße fröhlich zogen."
Am 30.06. dieses Jahres hat die ehemalige Landesstelle ihre Pforten für immer geschlossen, das "Tor zu NRW" ist zu. Viele Menschen sind dem Dienst der evangelischen Kirche in Unna-Massen und dem Bodelschwinghhaus, in dem er angesiedelt war, verbunden. Als Haupt- und Ehrenamtliche, die ihre Zeit für die Durchreisenden eingesetzt haben, als Gemeinde, die sich im Gotteshaus versammelt hat, als Hilfesuchende fanden sie bei uns ein Stück Heimat, das ihnen nun, spätestens, wenn das Bodelschwinghhaus am 31.12. dieses Jahres geschlossen wird, verloren geht.
Doch auch für sie gilt das Versprechen, das in der Geschichte vom "Kämmerer aus Äthiopien" liegt: Wer aufbrechen muss in die Fremde, soll nicht allein gelassen werden, Gott wird Menschen schicken, die die Reise ein Stück mitmachen, die Mut machen und Orientierung schenken. Wir wollen uns ermutigen lassen, dass auch alle, die um die Zeit in Unna-Massen trauern, "ihre Straße fröhlich ziehen" werden.
Helge Hohmann, Pfarrer für Zuwanderung des Ev. Kirchenkreises Unna (Kirchlich-Diakonischer Dienst für Integration Unna-Massen)

