eine Andacht von Renate Kirsch.
Sie ist1937 in Duisburg geboren und studierte Germanistik sowie evangelische Theologie und war dann als Deutsch- und v.a. als Religionslehrerin am Gymnasium tätig. Von 1988 bis 1992 sprach Renate Kirsch in der ARD das "Wort zum Sonntag". Seit vielen Jahren ist sie in der kirchlichen Rundfunkarbeit, in der Erwachsenenbildung und beim Weltgebetstag der Frauen (jedes Jahr am 1. Freitag im März) tätig. Sie lebt in Oberbayern, in Brannenburg am Inn.
Der folgende Beitrag "Einander gerecht werden - vom Umgang mit dem Elterngebot" wurde am 18.07.2010 im Deutschlandfunk in der Reihe "Generationengespräche" ausgestrahlt. Hier lesen Sie eine gekürzte und leicht bearbeitete Fassung.
Sie können den gesamten Beitrag im Original hier hören.
Damit es Dir gut geht: ehre Vater und Mutter!
Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt , er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen.
Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettchen
zusammen. ?Was machst du da?? fragte der Vater. ?Ich mache ein Tröglein?, antwortete das Kind, ?daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.? Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten sofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.
Eine Geschichte, die viele aus der Märchensammlung der Brüder Grimm kennen. Sie ist aber kein Märchen, sondern ein bitterböser Spiegel für eine Gesellschaft, die ihre Alten
vergisst.
Zugleich ist sie eine präzise Beschreibung, worum es im sogenannten Elterngebot, im vierten der Zehn Gebote geht:
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,
auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.
So heißt es bei Luther im Kleinen Katechismus; so lernen es bis heute die Kinder im
Konfirmandenunterricht. In der Bibel (Exodus 20) klingt es nicht ganz so drohend wie im Katechismus. Dort steht:: ?Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.? Damit ist Kanaan gemeint, das Land, das Gott dem Volk Israel versprochen hat.
Die Zehn Gebote sind zuallererst einmal dem Volk Israel gegeben unter der Überschrift: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Damit die Gemeinschaft dieses Volkes im verheißenen Land überhaupt gedeihen kann, ergeht dieses Gebot in erster Linie an die aktive Generation, an die Eltern, die ihre älter und schwächer werdenden Väter und Mütter achten und ehren sollen.
Eine Gemeinschaft, die ihre Alten nicht achtet, beraubt sich ihrer Wurzeln, biblisch gesprochen ihrer Verheißung. In gewisser Weise ist es auch ein Gebot an die soziale Vernunft. Der Generationenvertrag, der bis heute die Basis unseres Rentensystems ist, hat in diesem Gebot seinen Ursprung. Denn seit und durch Jesus sind die ursprünglich jüdischen auch unsere christlichen Zehn Gebote geworden. Sie haben seitdem unsere Kultur ganz wesentlich geprägt. Bis heute.
Das Elterngebot wurde bewusst und unbewusst oft falsch verstanden und interpretiert, nämlich als ein Gebot, mit dem den Kleinen, den Abhängigen, den Untertanen schlechthin Ehrerbietung und Gehorsam befohlen werden soll. Von höchster Instanz, von Gott. Darum nicht zu hinterfragen. Und von zweithöchster Instanz einzufordern, von der Obrigkeit, den Herren, und dann auch von den Eltern - in der Regel von den Vätern. Das sollte auch nicht hinterfragt werden.
In diesem Sinne ist auch Luthers Kleiner Katechismus zu verstehen:
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch
erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert halten.
Es soll immer noch Väter geben, die sich berechtigt fühlen, den heranwachsenden Kindern zu drohen: Solange du noch deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu tun, was deine Eltern sagen. Das provoziert dann Jugendliche, an Mauern zu sprühen: "Du sollst deine Eltern ehren. Wenn sie dich schlagen, sollst du dich wehren."
"Wie kann Gott von mir erwarten, dass ich meine Eltern ehre, wenn sie mir mein Leben kaputt gemacht haben?? So fragt eine, die vom Vater missbraucht wurde und deren Mutter das duldete. So fragt einer, der nur Vorwürfe und keinerlei Ermutigung erfahren hat. So könnten Kinder fragen, deren Eltern sie an Leib und Seele verhungern ließen.
Das Vierte Gebot ist nicht durch Eltern einzufordern, sondern eine große Anfrage an ihr Leben als Eltern. Es ließe sich etwa so formulieren: Du sollst so leben, dass dein Kind dich ehren kann. Das schließt von vornherein Drohen und Angstmachen aus. Und auch Strafen durch Liebesentzug. Diese "Oben-Unten-Pädagogik" sollte von vorgestern sein.
Die Schriftstellerin Luise Rinser, die mit ihren Eltern große Mühe hatte, sagt: "Du sollst deine Kinder ehren. Also nicht nur lieben als Spielzeug oder als Eigentum, sondern von Anfang an als vollwertige Menschen," Sie erlebte das Gegenteil von Respekt und Achtung bei ihrem "arten, autoritären Vater, der sie unterdrückte, verdächtigte und schlug." In ihrer Autobiographie "Den Wolf umarmen" hat sie die Enttäuschung und den Schmerz, dass ihre Eltern dem vierten Gebot nicht entsprachen, abgearbeitet.
Eltern haben längst nicht immer Recht, Eltern können sich auch an ihren Kindern und damit am vierten Gebot versündigen. Und was dann? Ein Segen, wenn es Großeltern oder andere Verwandte gibt, wenn es Menschen gibt, die das Unglück und die Einsamkeit eines Kindes oder Jugendlichen wahrnehmen und auffangen.
Vielen aber fehlt eine solche, wie auch immer geartete Geborgenheit. Die fängt niemand auf. Zumindest haben sie das Gefühl, allein gelassen zu sein. Elterngebot hin oder her: es greift in vielen Fällen nicht mehr. Nicht nur Alleinerziehende sind oftmals überfordert. Für Väter und Mütter, denen die Kinder buchstäblich über den Kopf wachsen, denen das Erziehen über die Kräfte geht, ist das vierte Gebot ganz weit weg.
Stattdessen fühlt sich diese aktive Elterngeneration als sogenannte "Sandwich-Generation" von zwei Seiten gefordert, auch eingeengt, oft überfordert. Eltern wollen und müssen den Alten gerecht werden, gleichzeitig den Kindern, aber auch ihre Beziehung pflegen und Beruf und Einkommen nicht vernachlässigen. Wie soll das gehen?
Auch schon zu den Zeiten der Gebrüder Grimm war die mittlere Generation mit der Verantwortung für die Alten und die Kinder befasst. Und sie hat das offensichtlich nicht immer gut geschafft. Die Gebrüder Grimm hätten ihre bitterböse Geschichte gewiss nicht in ihre Märchensammlung aufgenommen, wenn es zu ihrer Zeit ? das war die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts ? in den Familien so märchenhaft harmonisch zugegangen wäre, wie wir heute gerne glauben würden.
Der Schauplatz der grimmschen Parabel ist bedrückend. Vater und Mutter speisen am Tisch, der Großvater hockt in der Ofenecke und schaut schweigend und schmerzvoll zur Tafel hin. Ohne das Kind bliebe es so, bis er gestorben ist, der Alte. "Ich mache ein Tröglein, daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin." Das Kind ist vier Jahre alt. Es verfolgt keine Rachestrategie, es lernt aber gerade von den Eltern, wie man mit hilflosen alten Menschen umgeht. So wird es später mit den Eltern verfahren, es will doch groß und wie Vater und Mutter werden. Da gehen dem Mann und der Frau die Augen auf und über. Das Kind bringt sie zum Weinen. Das Kind bringt den Großvater zu Ehren und die Eltern bringen ihn an den Tisch zurück, wo er hingehört.
"Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe." Das Kind fühlt es, die Eltern erkennen es, der Großvater weiß es. So, wie die mittlere mit der älteren Generation umgeht, wird die jüngere mit der mittleren verfahren und zwar nicht erst, wenn diese alt ist. Ich nenne das "Herzenspädagogik", wenn Kinder und Jugendliche erleben, wie Alte, Schwache , Kranke, Hilflose und Wunderliche von Menschen ihrer Elterngeneration respektiert, geachtet, liebevoll behandelt werden. Dann werden sie nicht verächtlich von den Alten reden als von Leuten, die von gestern und vorgestern sind. Irgendwann werden sie auch einschätzen und anerkennen können, was ihre Eltern leisten, wenn sie die ältere Generation begleiten und versorgen, auch dann noch, wenn die Alten womöglich völlig verwirrt und debil geworden sind.
Die grimmsche Kleinfamilie sitzt befreit und friedlich am Tisch. Der Großvater darf beim Essen kleckern, das Kind aus den Brettchen ein Spielzeug machen und Mann und Frau können die beiden und einander ansehen ohne, dass ihnen die Tränen kommen.
"Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sitzen sie noch heute so da." Es könnte doch ein
Märchen sein, was die Brüder Grimm uns da erzählen. Wo, bitteschön, geht´s denn heute noch in den Familien so zu?
Da wohnt man nicht mehr am gleichen Ort, geschweige denn unter einem
Dach. Die Generationen leben oft Tagesreisen weit auseinander. Da ist es berechtigt, zu sagen: Die Alten dürfen nicht das Leben der Jungen belasten und blockieren. Wenn sie nicht mehr alleine klarkommen, gibt´s Hilfen in Häusern und Heimen und sie dürfen ihren Kindern und Kindeskindern kein schlechtes Gewissen dabei machen, In den seltensten Fällen wird ein Großvater, eine Großmutter ins Altenheim "abgeschoben". Wenn die Jüngeren versuchen, den Übergang zu erleichtern und die Brücken nicht abzubrechen, sei's per Telefon oder Brief und Besuch, dann tun sie genau das, was das Vierte Gebot meint: Du sollst Vater und Mutter ehren.
Das alttestamentliche Elterngebot zielte nicht auf die vereinzelte Familie, meinte nicht die Vater-Mutter-Kind-Beziehung, losgelöst aus einer größeren Gemeinschaft. Das Gebot war gedacht als Schutz und Garant einer Generationen übergreifenden Gemeinschaft, die sich geborgen weiß in der Liebe Gottes zu seinem Volk. Jesu Auftrag war und ist es, diese Geborgenheit und Liebe Gottes allen zuzusprechen, die sich danach sehnen.
Es wäre also besser, statt vom Elterngebot, vom Generationengebot zu sprechen. Die Kleinen und die Großen, die Kinder, die Jungen, die Alten und die ganz Alten, sie gehören zusammen. Sie können einander heutzutage aber nur gerecht werden, wenn sie eingebunden und gehalten sind in einer größeren Gemeinschaft. Und die muss sich nicht ausschließlich über die eigene Familie definieren.
Vielleicht lässt sich der alte Begriff der "familia Dei", der "Familie der Kinder Gottes" neu buchstabieren. Von Nachbarschaft bis Kirchengemeinde, von Wohngemeinschaft bis Beginenhof gäbe es da viele Möglichkeiten. In dieser größeren Gemeinschaft wäre es leichter, den Kindern und Jugendlichen zu sagen: Nehmt eure Eltern und Alten ernst. Und umgekehrt der Eltern- und Großelterngeneration: Ehrt und achtet, schützt und fördert die heranwachsenden Kinder.
Gelingen kann es, gelingen wird es, wenn aus dem Vierten Gebot ein Angebot der Liebe wird.
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